Interview

Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln

Starke deutsche Wirtschaft durch Flexibilität

Herr Prof. Dr. Hüther, seit 2004 sind Sie Direktor und Mitglied des Präsidiums des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Können Sie unseren Lesern kurz erläutern, wie das Institut entstanden ist und mit welchen Themen Sie und Ihre Kollegen sich beschäftigen?

Prof. Dr. Michael Hüther: Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln ist im Jahr 1951 gegründet worden, damals allerdings unter dem Namen Deutsches Industrie-Institut. Unser Anspruch ist es, in Wissenschaft und Öffentlichkeit als Anwalt einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Sinne der sozialen Marktwirtschaft aufzutreten. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, bearbeiten die Wissenschaftler, Redakteure und Berater eine breite Themenpalette: Wirtschaftsethik und sozialer Zusammenhalt sind dabei ebenso wichtig wie die Wirtschaftsagenda der Parteien für die kommende Bundestagswahl, die digitale Transformation, der Brexit oder die zuletzt aufgekommenen protektionistischen Strömungen.

Die deutsche Wirtschaft scheint sich von Brexit, Trump, Flüchtlingskrise und Konflikten im Nahen Osten unbeeindruckt zu zeigen. Woran liegt das und können wir auch künftig mit einer so starken deutschen Wirtschaft rechnen?
Tatsächlich laufen Konjunktur und insbesondere der Beschäftigungsaufbau in Deutschland derzeit trotz aller Widrigkeiten wie am Lineal gezogen aufwärts. Die enorme Robustheit lässt sich kaum mit dem niedrigen Wechselkurs, dem Ölpreis und den Zinsen erklären. Vielmehr liegen die Alleinstellungsmerkmale der deutschen Wirtschaft in der Flexibilität, die aus den Kooperationsvorteilen der Industrie-Dienstleistungsnetzwerke und Cluster, der außerordentlichen Sozialpartnerschaft sowie der dualen Berufsausbildung erwächst. Hieraus ergeben sich die Verbund-, Flexibilitäts- und Kooperationsvorteile, die sich im aktuellen Erfolg auf den Exportmärkten und im heimischen Arbeitsmarkt spiegeln. Die Flexibilität, mit der Unternehmen so auf Wandel und Schocks reagieren können, schrumpft jedoch, sollten die angebotsseitigen Reformen der Vergangenheit weiter zurückgenommen werden.

Wie sehen Sie die Lage bei unseren Nachbarn auf der Insel? Nachdem Theresa May bei den Parlamentswahlen deutlich abgestraft wurde: Könnte es am Ende zu einem Exit vom Brexit kommen?
Mehr als 80 Prozent der britischen Wähler haben in den vergangenen Wahlen für eine Partei gestimmt, die sich für einen Austritt aus der Europäischen Union ausgesprochen hat. Allerdings hat das Thema Brexit im Wahlkampf nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Mit anderen Worten: Das britische Elektorat hat mehr mit Desinteresse geglänzt als eine Marschrute für diese zentrale Zukunftsfrage des Königreichs auszugeben. Die Wahl als Mandat gegen den EU-Austritt zu werten, erscheint daher als zu kurz gegriffen. Deutlich wird hingegen, dass die Premierministerin mit ihrem unscharfen Kurs den Zuspruch ihrer Wähler verliert. Und: Es war – wie das Brexit-Votum – ein rein innenpolitisch motiviertes Ergebnis. Das Austrittsspektakel steht gerade erst am Anfang und die Europäer haben deutlich gemacht, dass es keine großen Zugeständnisse geben wird. Die Wahrscheinlichkeit eines Exits vom Brexit ist gering, liegt angesichts der Unwägbarkeiten jedoch nicht bei null.

Zu Beginn des Jahres gab es die Befürchtung, dass in vielen europäischen Ländern die (Rechts-)Populisten Einzug in die Parlamente halten könnten. Dies ist nicht eingetreten. Wie schätzen Sie die kommenden Wahlen in Deutschland ein?
Die Populisten wegen der Wahlniederlagen abzuschreiben, wäre vorschnell. Marine Le Pen hat das beste Ergebnis erzielt, das ihre Partei jemals in einer Parlamentswahl erlangen konnte – und das bei der niedrigsten Wahlbeteiligung seit Jahrzehnten. Wäre das Phänomen Emmanuel Macron nicht aufgetaucht, es wäre höchst unklar, wo Frankreich und Europa jetzt stünden. Die breite Ablehnung des Establishments, die sich bei entscheidenden und in hohem Maße polarisierten Wahlen in extremen Wahlentscheiden und niedriger Wahlbeteiligung spiegelt, wird nicht einfach so verpuffen.

Viele Bürger fühlen sich mit ihren Sorgen nicht angemessen ernstgenommen. Tatsächlich haben die sogenannten »Globalisierungsverlierer« lange Zeit kaum Aufmerksamkeit bekommen. Aus den USA wurden über 2 Millionen Jobs direkt oder indirekt nach China verlagert, gleichzeitig wurden permanent die Vorteile des Freihandels angepriesen. Die Wut der Bürger hat dort eine reale Wurzel. Auch in Deutschland hat nicht jeder einzelne Bürger vom Exportboom profitiert. Hier überwiegen aber die Gewinner dermaßen stark gegenüber den Verlierern, dass populistische Parteien Probleme haben werden, Menschen über das Skandalisieren ökonomischer Probleme zu mobilisieren.

Welche Themen werden uns bis zur Bundestagswahl am 24. September 2017 am stärksten beschäftigen? Und vor welchen Herausforderungen steht die künftige Bundesregierung?
Wirtschaftlich geht es der Bundesrepublik so gut wie nie zuvor. Um das Wachstum auch inklusiv und nachhaltig zu gestalten, sollte Abstand von selektiver Klientelpolitik und sozialpolitischen Geschenken wie der Mütterrente oder der Rente mit 63 genommen werden. Nötig wäre es, die verhärtete Langzeitarbeitslosigkeit anzugehen. Offensichtlich reichen die bisherigen Mittel nicht aus, den fast 1 Million Langzeitarbeitslosen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu bieten. Generell könnte die Politik mehr für die soziale Mobilität tun. Zwar sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt aktuell gerade für Geringverdiener günstig, trotzdem hat sich die Wahrscheinlichkeit des sozialen Aufstiegs nicht verbessert. Gefragt sind hier stichhaltige Analysen, woran eine Verbesserung trotz denkbar guter Umweltbedingungen scheitert.

Nicht vernachlässigt werden darf außerdem die Förderung eines integrativen Wachstums über die unterschiedlichen Regionen hinweg. Wie Radikalisierung in der Peripherie entstehen kann, wenn dies nicht geschieht, haben die jüngsten Entwicklungen in den USA, Großbritannien aber auch in Frankreich gezeigt. Eine ausgeglichene wirtschaftliche Entwicklung ohne großes regionales oder Stadt-Land-Gefälle ist auch der Schlüssel für gesellschaftliche Kohäsion. Der Fokus in Deutschland liegt noch immer auf Regionen in den neuen Bundesländern, aber auch urbane Gebiete etwa im Ruhrgebiet geraten bei dieser Frage ins Blickfeld.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Weingärtner.