Interview

Mehr Eigenverantwortung ist gefragt

Der Finanz-YouTuber Kolja Barghoorn wurde 1985 in Berlin geboren. Im Anschluss an sein Abitur und die Bundeswehrzeit beschloss er im Jahre 2007, sich selbstständig zu machen. Gleichzeitig studierte er Film und Computeranimation am SAE Institute Berlin. Sein Studium schloss er 2009 erfolgreich ab. Im Jahre 2011 beendete er auch seine Ausbildung zum Fitnessfachwirt. Sein erstes Aktienengagement datiert aus dem Jahre 2009.

DDV: Sich mit dem Thema Finanzen zu beschäftigen, ist unabdingbar. Wann wurden Sie das erste Mal mit der Materie der Geldanlage konfrontiert?
Kolja Barghoorn: Im Jahre 2003, zu meinem 18. Geburtstag, haben meine Eltern mir einige Fonds-Anteile übertragen, die mir aufgrund eines Schadensersatzes wegen eines Hundebisses zur Verfügung standen. Diese habe ich jedoch sofort verkauft. Ich beschäftige mich erst seit 2009 eigenverantwortlich mit dem Thema Aktien und Vermögensaufbau.

Was hat Sie an dem komplexen Finanzbusiness fasziniert?
Ich betrachte es nicht als komplex, sondern als Werkzeug, um meine Ziele zu erreichen. Ich war fasziniert von den (Lebens-)Geschichten von Benjamin Graham und Warren Buffett und wollte ein erfolgreicher Investor werden. Mein Ziel ist es, irgendwann ausschließlich von den Kapitalerträgen zu leben, um unabhängig zu werden.

Heutzutage muss Finanzkommunikation neue Wege gehen, Stichwort Social Media. Wann haben Sie mit Ihren Videos gestartet?
Mit der Produktion bin ich am 28. November 2013 an den Start gegangen.

Wie fällt die Resonanz aus?
Zu etwa 90 Prozent positiv und zu 10 Prozent negativ. Insgesamt ist das Interesse jedoch stark steigend und ich freue mich über einen sehr intensiven und herausfordernden Austausch mit meinen Zuschauern und anderen Privatanlegern sowie professionellen Anlegern und Institutionen.

Wie viele Videos haben Sie bislang produziert?
Lassen Sie mich nachschauen ... auf meinem Kanal »Aktien mit Kopf« sind es genau 752 Videos und auf meinem Zweitkanal »Kolja investiert«, auf dem ich Einblicke in meine eigenen Investitionen gebe, sind es bisher 5 Videos.

Wer ist Ihre primäre Zielgruppe?
Drei primäre Zielgruppen mache ich aus: Zum einen 24- bis 35-jährige Studenten, daneben noch Auszubildende und generell Berufstätige. Insgesamt sind meine Zuschauer zu etwa 95 Prozent männlich.

Wie erklären Sie es sich, dass Sie so viele Follower haben? Was machen Sie anders?
Das kann ich nicht wirklich beantworten. Ich versuche die Börse zu visualisieren und so greifbar zu machen. Das heißt, ich spreche nicht nur über Theorien, sondern teile eigene Erfahrungen aus der Praxis mit. Hierbei hilft auch sehr, dass ich Film und Computeranimation an der SAE in Berlin studiert habe.

Aus Ihren Erfahrungswerten ableitend: Warum tun sich die Bundesbürger letztlich so schwer mit dem Direktinvestment Aktie?
Weil sie bei Aktien in erster Linie an einen (volatilen) Chart denken und nicht an die getätigte Unternehmensbeteiligung. Jeder Deutsche kennt wohl die blaue Nivea-Dose und viele Millionen Menschen vertrauen der Marke. Ich bezweifle aber, dass mehr als 10 Prozent der Deutschen die Firma Beiersdorf damit verbinden oder diese kennen. Ich denke auch, dass es einfach an Wissen mangelt, aber auch an nicht ausreichender Eigenverantwortung, die aktuell noch seltener zu finden ist, als eine unterbewertete Aktie im Dow Jones-Index. Schaue ich mir beispielsweise eine »Hart aber Fair«-Sendung über Finanzen an, finde ich viele Menschen und Gründe, die gegen Aktien sprechen. Es ist die Rede von »Börsenzockern«, »Heuschrecken« und »armen, unmündigen deutschen Sparern«. Das wird unterfüttert mit vielen Negativ-Beispielen und einer Menge Worthülsen seitens der Politiker. Sorgen Sie mal dafür, dass einige 18-jährige Studenten aus unserer Community dort eingeladen werden. Die haben mehr Ahnung von Altersvorsorge als so mancher Professor und können vor allem ihr selbst aufgebautes Wissen auch in die Tat umsetzen. Ich spreche regelmäßig mit jungen Menschen, die mittlerweile eine Wertpapiersparplanrate von 500 Euro im Monat und mehr vorweisen können. Und das alles nur, weil sie erkannt haben, dass sie selbst verantwortlich sind und teilweise so viel Gas geben, dass sie richtig Lust bekommen, ihr Studium mit Bestnoten abzuschließen. Viele wollen dann ein Unternehmen gründen oder auf andere Art und Weise produktiv werden. Da wir aber weder von staatlicher Seite noch im Fernsehen viel von solchen Beispielen mitbekommen, kennen viele Menschen nur gute Gründe, nicht zu investieren, statt es zu tun.

Was sagen Sie Anlegern, denen die Direktanlage in Aktien zu riskant ist?
Denen zeige ich das Renditedreieck des DAX, welches das Deutsche Aktieninstitut anschaulich auf seiner Website veröffentlicht. Wenn man es dann nicht versteht, dann sollte man dem Investment Aktien einfach fernbleiben. Ich habe hier keinen missionarischen Ansatz, sondern möchte nur Menschen ansprechen, die sich selbst dafür begeistern können. Das ist ja der Vorteil bei YouTube. Hier finden mich fast ausschließlich Leute, die bereits ein Eigeninteresse haben, sonst würden sie ja keine Videos über Aktien aufsuchen. Es liegt an jedem selbst, wie er sein Geld anlegt.

Viel wird über Umschichtung und Gewichtung im Depot geredet. Wie wichtig ist die Diversifikation? Ich folge einer einfachen Regel. Je weniger ich ein Investment beeinflussen kann, desto mehr sollte ich diversifizieren. Diversifikation ist vor allem am Anfang der Schlüssel, da man beispielsweise mittels ETFs schon mit 25 oder 50 Euro pro Monat fast die gesamte Weltwirtschaft abdecken kann. Je mehr Erfahrung und Kapital man zur Verfügung hat, desto konzentrierter kann man investieren. Es hängt auch immer davon ab, ob man den Markt outperformen möchte oder nicht.

Wie sorgen Sie für das Alter vor?
Durch Investitionen in Aktien und ETFs mittels Buy and Hold-Strategie. Durch Investitionen in mein eigenes Unternehmen, sowie Investitionen in andere, nicht börslich gehandelte Unternehmen, aber vor allem durch ständige Investitionen in mein Humankapital.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Lars Brandau (Geschäftsführer Deutscher Derivate Verband) auf der Invest 2017.